Initiativen warnen: Corona-Quarantäne: Bleibt der Schutz von Kindern und Frauen vor Gewalt auf der Strecke?

Frauen- und Kinderrechtler warnen: In Zeiten der Coronavirus-Pandemie könnte es zu einer Zunahme von Gewalt innerhalb von Beziehungen oder Familien kommen. Tun die Behörden genug zum Schutz möglicher Opfer?

Deutschland bleibt zu Hause – für einige klingt das nach Entschleunigung, gemütlichen Stunden vor dem Kamin und Zeit mit den Liebsten. Für andere in unserer Gesellschaft muss das wie eine Drohung wirken. Denn zu Hause, das ist für sie der Ort, an dem sie geschlagen werden, an dem sie sexuell misshandelt werden, an dem sie ihren Peinigern ausgeliefert sind.

Gewaltschutz in Zeiten des Coronavirus

Vertreter von Frauen- und Kinderrechtsorganisationen warnen, dass die aktuellen Beschränkungen wegen der Coronavirus-Pandemie dramatische Folgen haben können. Sie befürchten eine Zunahme häuslicher und auch sexualisierter Gewalt gegen Frauen und Kinder.PAID Corona Heinsberg vier Wochen später 8.55

„Diese abgeschnittene Situation mit einem eventuellen Ausgehverbot führt auf jeden Fall zu zusätzlichen Belastungen und es fallen soziale Kontakte, die die Frauen unterstützen könnten, um mit schwierigen Situationen fertig zu werden, weg“, sagte Heike Herold, die Geschäftsführerin der Frauenhaus-Koordinierung, in einem Interview mit dem Rundfunk Berlin-Brandenburg.

„Es fehlt die soziale Kontrolle und die Belastungen mit Kindern zu Hause, Homeoffice, Existenzängsten etc. sind hoch. Da ist es recht wahrscheinlich, dass es in belasteten Situationen zu Gewalt kommt.“ Beobachtungen in anderen Ländern stützen Herold zufolge diese Befürchtung.

Die rund 350 Frauenhäuser in Deutschland stießen in der Corona-Krise an ihre Grenzen, unter anderem durch erweiterte Hygienemaßnahmen und Corona-Verdachtsfälle in den Einrichtungen. Es gebe bereits erste Aufnahmestopps.

Herold forderte Kommunen und Bundesländer auf, aktiv zu werden. Zum Beispiel, indem sie alternative Unterbringungsmöglichkeiten in Hotels schaffen. „Wir merken, dass in den Erlassen zum Schutz vor Corona das Thema Gewaltschutz kaum Beachtung findet.“

Ähnlich drastisch beschrieb Katharina Göpner vom Bundesverband Frauenberatungsstellen und Frauennotrufe in der „Taz“ die Lage: Der gewalttätige Partner verlasse die Wohnung nicht mehr, Anrufe bei Beratungsstellen seien kaum noch möglich. Göpner sehe die Gefahr, dass die Zahl der Femizide, also von Morden an Frauen, in der derzeitigen Ausnahmesituation zunehmen werde.

Schlimme Folgen befürchtet auch Rainer Rettinger vom Deutschen Kinderverein. „Wer sieht und hört misshandelte und sexuell missbrauchte Kinder jetzt?“, sorgt sich der Geschäftsführer des Vereins um Kinder, die Gewalt und Verwahrlosung in den eigenen vier Wänden ausgesetzt sind. „Zusammenleben in einer Familie kann anstrengend und überfordernd sein, für manche Kinder ist es lebensgefährlich.“

Die Dunkelziffern von sexuellem Missbrauch, seelischer und körperlicher Gewalt in Familien seien ohnehin schon hoch. Ohne soziale Kontrolle seien betroffene Kinder „der Gewalt nun hilflos ausgeliefert“, erklärte Rettinger dem stern. Er fordert in Zeiten der Coronavirus-Pandemie „Konzepte im Umgang mit Familien, in denen aus der Beziehung von Eltern und Kind eine Beziehung von Tätern und Opfern wird“.

Erste Jugendämter verzichten Rettinger zufolge aus Angst vor Ansteckung schon auf das Aufsuchen betreffender Familien, zudem werde man mancherorts nur noch bei „akuten Gefährdungseinschätzungen“ tätig. Beispielsweise in München, Regensburg und Augsburg finden Hausbesuche laut Nachrichtenagentur DPA nur noch bei akuter Notlage statt. Routinebesuche werden demnach grundsätzlich auf spätere Termine verschoben oder abgesagt.

Initiativen fordern Schutz von Kindern

Seit vergangener Woche sei es außerdem vermehrt vorgekommen, dass Familien die Gefahr einer Ansteckung als Vorwand nutzen würden, um den Besuch der Mitarbeiter des Jugendamtes zu verhindern, berichtete eine Sprecherin des Jugendamtes München. In solchen Fällen werde nur bei einer möglichen Kindeswohlgefährdung eingegriffen.

Die Kinderrechtsorganisation „Save the Children“ will, dass solche Situationen nicht entstehen. „Der Staat muss alles Nötige tun, damit die Corona-Krise nicht auch noch zu einer Krise für Kinder wird“, so die Vorstandsvorsitzende Susanna Krüger.

Ihre Organisation forderte, Jugendämter, Beratungsstellen und Kinderärzte müssten ihre Arbeit aufrechterhalten, da sie mitunter die einzigen Einrichtungen seien, die bei Kindeswohlgefährdung eingreifen könnten. Schnelle Hilfe könnten Krisentelefone schaffen, die bei Überforderungen und Eskalationen im Alltag unterstützen und weitervermitteln. 

Genau da setzt auch das Bundesfamilienministerium an. Der Schutz von Kindern, Jugendlichen und Frauen ist in Deutschland in erster Linie Sache der Länder und Kommunen, dennoch hat man im Haus von Franziska Giffey (SPD) das Problem auf dem Schirm, versicherte ein Sprecherin auf stern-Anfrage: „Druck und Konflikte können gerade in ohnehin besonders belasteten Familien auch in Gewalt gegen Kinder und Jugendliche oder gegen Frauen münden.“, stellte die Sprecherin fest. „Wir unterstützen die Familien mit allen uns zur Verfügung stehenden Mitteln dabei, möglichst gut durch diese schwere Zeit zu kommen.“

InfoAbseits der Jugendämter, deren Hilfen auch in der Corona-Krise fortbestehen soll, setzt das Ministerium dazu vor allem auf „niedrigschwellige“ Hilfen für betroffene Kinder und Jugendliche. Für sie, aber auch für von Gewalt bedrohte Frauen, unterstütze das Ministerium zahlreiche Hilfs- und Beratungsangebote im Internet oder per Telefon (siehe Infokasten).

Zudem habe sich Franziska Giffey mit ihren Kolleginnen und Kollegen aus den Ländern auf eine einheitlich Linie und Standards zum Schutz von Frauen vor Gewalt geeinigt. So sollen zum Beispiel Hotels oder Ferienwohnungen kurzfristig von Länder oder Kommunen angemietet werden, um Schutzräume für Opfer von Gewalt zu schaffen.

Für den Kinderschutz fordert Kindervereins-Geschäftsführer Rainer Rettinger ein vergleichbares Vorgehen. „Das Bundesfamilienministerium sollte mit allen Ländern einen Krisenstab einsetzen, der jetzt die Auswirkungen bespricht und entsprechende Handlungsanweisungen ausgibt.“

Klar ist: Gefordert – darin sind sich alle Akteuere weitgehend einig – ist auch jeder Einzelne. Wer mitbekommt, dass in seinem Wohnumfeld Kinder und Frauen geschlagen oder sexuell misshandelt werden, soll Hilfe holen oder anbieten. Wie auch außerhalb der Corona-Krise.

Quellen: Rundfunk Berlin-Brandenburg, „Taz“, Deutscher KindervereinSave the Children, Nachrichtenagenturen DPA und AFP

https://www.stern.de/panorama/gesellschaft/coronavirus–frauen–und-kinderrechtsorganisationen-warnen-vor-gewalt-9196862.html?utm_campaign=alle-nachrichten&utm_medium=rss-feed&utm_source=standard